Ist Technik doch nur etwas für Männer? Die Zahlen der StudienanfängerInnen in mathematischen/naturwissenschaftlichen/technischen Fächern scheinen das zu bestätigen. Der Anteil der Frauen unter denen, die sich in den vergangenen Jahren für eines dieser Fächer entschieden haben, ist gering. Im Studiengang Informatik ist der Anteil sogar von knapp 30% auf 10% gesunken. [...] Im Fach Mathematik befinden sich prozentual noch die meisten Frauen, aber der Trend ist auch dort fallend. Im Fach Physik ist der Frauenanteil zwar leicht steigend, doch sind dort die Frauen immer noch sehr schwach vertreten.
Warum ist das so? Kaum jemand (?) würde heute noch sagen (oder sich trauen zu sagen), daß Mädchen oder Frauen z. B. in Mathematik weniger begabt sind. Tatsächlich haben untersuchungen gezeigt, daß Jungen keineswegs besser Mathe können.
"Die interessieren sich eben nicht dafür", ist eine schön einfache Erklärung (aber dadurch nicht besser). Auch das wurde in Studien untersucht, und es hat sich ergeben, daß Mädchen Mathematik genauso interessant finden wie Jungen. Einen entscheidenden unterschied gibt es nur in der Selbsteinschätzung. Die Mädchen glauben eher, daß ihre schlechte Leistung Grund für eine schlechte Mathe-Note ist, als ihre gute Leistung für eine gute Note! (Bei Jungen ist das Verhältnis ausgewogen.) Das Interesse der Mädchen an Mathematik und besonders an Informatik scheint (komischerweise?) stark davon abzuhängen, wie groß der Mädchenanteil in der Klasse ist.
Diese Ergebnisse lassen sich so deuten, daß die alte Meinung, daß Mathe, Technik, Computer, Physik nur etwas für Männer sei, immer noch wirksam ist. Das heißt, daß sie sich auf die Beurteilung der eigenen Leistung der Mädchen auswirkt (und auch auf die der Jungen, die denken, sie können das sowieso alles).
Außerdem ist der unterricht in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern so aufgebaut, daß eher die Jungen als die Mädchen gefördert werde. In Informatik kommt dazu, daß der eigene Computer hauptsächlich bei den Jungen zu Hause steht. Das Bild der Informatik ist bei vielen durch diese zwei Dinge geprägt: Durch diejenigen, die einen Computer besitzen, tage- und nächtelang davorsitzen und mit Fachbegriffen um sich schmeißen. und durch den Informatikunterricht, der meistens so aussieht, daß eine Programmiersprache gelernt wird, in der kleine Programme geschrieben werden. Das ist natürlich für diejenigen von Vorteil, die in ihrer Freizeit sowieso fast nichts anderes tun. Diese Leute fühlen sich dadurch bestätigt und entscheiden sich für ein Informatikstudium. Anfang der 80er hat der Trend zum eigenen Computer stark zugenommen, und immer mehr Studienanfänger haben einen. So wird Informatik als eine Welt für Hacker gesehen, in der verloren ist, wer nicht weiß, welcher Prozessor der schnellste ist, oder was ein Motherboard ist. Diese Vorstellungen sind jedoch völlig falsch, denn größere Probleme können nicht gelöst oder komplexere Systeme nicht entworfen werden, indem man sich einfach vor den Computer setzt und drauflostippt. Sondern es werden Mathematik, Logik und theoretische Problemlösungen benötigt. (Das sind Dinge, in denen Hacker nicht unbedingt die Besten sind.)
Aus: Informatik, Mathe, Physik, Elektrotechnik: Ein Studienführer für Mädchen |