Juni 1999

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Kino-News

(mw) An der Stelle war jetzt eigentlich ein Video-File unserer Kultursendung eingebunden, aber irgendwie hat das der Drucker nicht unterstützt und automatisch in eine Volltextversion konvertiert. Sorry.
Das Senderlogo erscheint groß im Bild, etwas Piano-Fahrstuhlmusik kündigt die da kommende Kultursendung an: Klimper, klimper, klimper didl klimper klampf! Ein Herr in einem Jackett, das vielleicht vor 10 Jahren mal modern war, und Rollkragenpullover, Pfeife im Mund und graumeliertem Haar (kurz ein wandelndes Intellektuellen-Klischee) sitzt auf einem Herrensessel neben einem Kamin und begrüßt mit gedämpfter Stimme die Zuschauer, was schade ist, da der Pianist im Gegensatz zum wild gestikulierenden Regisseur nicht meint, daß man an beliebiger Stelle mit dem Song aufhören kann... Klimperdiklimper, klampfdiklampf, schrabdidldidib KLIMPF - KLAMPF Mit einem pointierten crescendo endet das Klavierstück. Leider ist auch die Anmoderation schon gelaufen. Wir sind sicher, sie war sehr differenziert und warten gespannt auf den ersten Beitrag:
Eine südländische Moderatorin Mitte zwanzig starrt mit mißmutiger Miene neben die Kamera und fragt sich, warum sie ihren Papa nur dazu überredet hat, sie in diese Sendung hineinzukaufen, wenn sie jetzt, statt exklusiven Pool Interviews mit Brad Pitt nur Reportagen von diesen saudämlichen Off-Off-Filmfestivals machen muß, noch dazu, wenn diese im regnerischen Frankfurt stattfinden. Aus dem Off zählt jemand von drei hinunter. Sie, die Einblendung am unteren Bildrand stellt sie als Veranda de l'Hazienda Kokolores vor, zerrt ein einnehmendes Lächeln auf ihr Gesicht und beginnt den Teleprompter abzulesen.
"Guten Abend, meine Damen und Herren. Die Saison der großen Filmfestspiele ist nun fast vorbei. Venedig, Cannes und Berlin haben ihre Sieger gekürt. Den Abschluß bildet traditionell Frankfurt, wo sich auch dieses Jahr wieder Filmschaffende verschiedenster Couleur und Genres ein Stelldichein geben. Auf das Gebäude hinter dir zeigen. Hier im Filmzentrum in der Robert Mayer Straße findet zur Stunde der Hauptempfang für geladene Gäste statt. Hier werden sowohl zukünftige Projekte vorgestellt, als auch die Werke der jüngeren Vergangenheit der Künstler diskutiert. Mein Kollege Mondieu Quelleblamage hat sich für Sie umgehört. Weiter in die Kamera gucken und lächeln, bis das rote Licht ausgeht. - Können wie jetzt endlich ins Hotel zurück?"
Das Anrollen der MAZ erlöst uns. Wir sehen eine Horde gelangweilter Schlipsträger, die sich damit die Zeit vertreibt, einer Herde ebenso gelangweilter Abendgarderobenständern völlig ungerechtfertigte Komplimente ihr Aussehen betreffend zu machen. Zum Glück fehlt auf diesem Teil der MAZ der Ton. Als wir schließlich die angespannte Kriegsfrontberichterstatterstimme von Herrn Quelleblamage vernehmen, laufen schon Ausschnitte aus vergangenen und noch anlaufenden Filmen.
Nach den Hollywood-Erfolgen "Das Netz", "Vernetzt" sowie "Aus der Mitte entspringt ein Fluß" und "Die Brücken am Fluß" versuchen die KEA-Studios, im Herbst mit dem Streifen "Flüsse in Netzwerken" auf diesen Zug aufzuspringen.
Ein klassischer Katastrophenfilm im Stile der 70er Jahre. Die profitsüchtigen Wasserwerksbesitzer Ford und Fulkerson versuchen, mit Gewalt und unter Mißachtung sämtlicher Sicherheitsbestimmungen die Gesamtflußleistung zu erhöhen. Bald jedoch erscheinen die Kapazitäten des städtischen Rohrleitungssystems erschöpft. Wie lange wird das System diesem Druck standhalten können? Wie teuer wird der Bruch, wenn die Leitungen an der kritischsten Stelle reißen? Der Plot verspricht eine Menge Spannung. Um diese auch eins zu eins auf die Leinwand zu bringen, bedarf es jedoch auch einer soliden Drehbuchadaption, bei der es gilt, sich dem Medium gerecht von der epischen Romanvorlage zu lösen. Wir sind gespannt.
Das Team von VSB plant für den Oktober einen Relaunch des Blockbusters "Betriebssysteme 1". Die Story ist allgemein bekannt, aus Insiderkreisen hört man jedoch, daß an den Specialeffects (vor allem am Schnitt) noch gewaltig gearbeitet worden ist. Der Streifen gilt als heißer Favorit für die Spezialeffektpreise. Ein Jahr lang mußten sich die eingefleischten Fans gedulden, da der Künstler mit Nachwuchsförderprojekten beschäftigt war. Dafür läuft der Film aber diesmal gleich im großen HV-Kino an.
In der Kategorie "Bester ausländischer Film" gilt "Informatica practicale Uno" von DBIS als aussichtsreichster Kandidat.
Die etwas holprige deutsche Synchronisation ist seit der letzten Aufführung noch einmal nachgebessert worden. Viel schwerer wiegt der unausgesprochene Vorwurf, daß das Werk eigentlich ein Plagiat des VSB-Klassikers "Informatik I" aus der Spielzeit 93/94 sein soll. Außerdem werden dem Streifen Chancen für den "Beste Kostüme" - Award eingeräumt.
Einen riesigen Genrewechsel hat sich der RBI-Regisseur G.L. vorgenommen. Der Künstler, der mit seinem Kurzfilm-Schocker "Was wir mit bösen Usern machen!" bei den unabhängigen OE-Filmfestspielen längst Kultstatus erreicht hat, versucht sich nun an einer Dokumentation über das indonesische Surferparadies Java.
Man darf gespannt sein. Den zugehörigen interaktiven Workshop rund ums Surfen mit Java hat die Filmcrew von ASB im Programm. Dem interessierten Kinogänger wird dringend empfohlen, sich im offiziellen Programmheft über die Einzelheiten zu informieren.
Das Team von SADS bleibt dagegen dem Horrorgenre treu. Das gilt sowohl für die Werke selbst, als auch für die Aufführungszeiten: 7-10 bzw. 8-10. Das wirft die Frage auf, ob das nun eine post-Spätvorstellung oder eine Prä-Matinee ist. Inhaltlich auch diesmal Horror vom Feinsten. Unglaublich deformierte Transformatoren verwandeln wieder harmlose Strukturen in reißende Bestien. Einige Transformationen sind so entstellend und verzerrend, daß man kaum glauben kann, daß das Resultat immer noch ein Körper ist. Der Preis für den besten Ton gilt als sicher.
Das mit einer gewissen Unabhängigkeit agierende Subunternehmen FOG-Movies, das unlängst mit seinem etwas esoterisch angehauchten Debütwerk "Erkenne die Zeichen!" einen Achtungserfolg landete, führt diesen Winter "Nebel des Schweigens" auf und plant für den Sommer ein "Anaconda"-Sequel.
Jetzt also doch. Mehr als 20 Jahre nach dem Megaerfolg von "Der Pate" und "Der Pate II" traut sich nun jemand an den dritten Teil. Und natürlich ist es ein Newcomer. Die EM-Studios wagen den Sprung ins kalte Wasser. Aufführung vierwöchig montags 14:00 Uhr Kino 307. Die Story: Das einstmals stolze Imperium in Schutt und Asche. Das Unternehmen ist pleite und der Zwangsverkauf an den erbitterten Konkurrenten fast beschlossene Sache. Nur einer kann den Untergang noch abwenden, aber einige hohe und noch mehr möchtegernhohe Regierungsstellen scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben. Nervenzerreißende Spannung, Verwirrspiele und Intrigen. Ein Politthriller der Extraklasse.
Die Rubrik Agentenfilm wird von den MI-Studios bedient, die ein Remake des Klassikers "Kryptographie 1" in die Kinos bringt. Wieder werden geheime verschlüsselte Botschaften ausgetauscht, abgefangen und entschlüsselt. Die Hauptdarsteller Alice, Bob und Eve Überzeugen in diesem Verwirrspiel, wenn ihre Rollen auch etwas stereotyp angelegt sind. In "Otto Müller" aus den DBIS Streifen haben die drei dieses Jahr allerdings einen harten Konkurrenten. Wie immer vermittelt der Regisseur einen erstaunlich authentischen Eindruck vom Spionagegeschäft.
Mit "Wie sage ich's meinem Kind" liefert J.P. den einzigen Beitrag in der Kategorie Aufklärungsfilm.
"Komplexität" aus dem Hause THI (FSK 18 (Language), Achtung: neigt zur Überlänge) wird mit großer Spannung erwartet. Da sich der Künstler für mehrere Monate in die Grazer Berge zurückgezogen hat, ist im Vorfeld nur wenig zu erfahren. Aber was haben wir nicht schon für eine Bandbreite im Programm von THI erlebt. Da gab es packende Familiendramen in denen ein Vater, dessen Kind gestorben war, den Großvater des Kindes erhängt hat, nur um an die 2 Mark zu kommen, die der vor Ewigkeiten auf ein mysteriöses Konto eingezahlt hatte. Es gab stille und diffizile Psychogramme, in denen die Schwierigkeit der Kommunikation oder der Identität gefühlvoll thematisiert worden waren. Und es gab die großen Actionreißer, wie etwa das Massenspektakel "Krieg der Quantoren", hier wird dem sonst eher nebulösen Allquantor Leben eingehaucht und zur Kunstfigur "der Gegner" personifiziert. Wir warten gespannt.
Das Team von PSC, dessen Kopf sein Handwerk bei den Autoren der größten Horrorschocker unseres Jahrhunderts* persönlich lernte, widmet sich in der kommenden Saison der Nachwuchsförderung.
Pianogeklimper das wandelnde Intellektuellenklischee mit der Pfeife erscheint wieder im Bild. "Ja, soweit also der Bericht von Veranda de l'Hazienda Kokolores und Mondieu Quelleblamage. Ich bekomme Zeichen, daß wir schnell zurückgeben müssen, ich denke aber, wir sollten uns noch die Zeit nehmen zu sagen....
Aufdringlicher Tusch - Werbung, Die Sendung ist zu Ende.


Die größten Horrorschocker unseres Jahrhunderts
- Sheila Greibach: Allein mit der Normalform
- Seymour Ginsburg: Auch nach der schrecklichsten Zeile kommt immer noch eine schrecklichere