![]() Juni 2000 |
Time to say Goodbye
(mw) Ab Oktober geht der Fachbereich Informatik im neuen Fachbereich für Biologie und Informatik auf. Im Schatten dieses richtungsweisenden Einschnitts in der Geschichte der Informatik in Frankfurt gehen andere Ereignisse fast ein bißchen unter. Der Fachbereichsrat vom 19.6.00 war nämlich nicht nur der letzte des Fachbereichs, sondern auch der letzte von Claudi, Wolle und mir. Im Gründungsfachbereichsrat des neuen Fachbereichs werden dann unsere Nachwuchskräfte gefragt sein. Zeit für ein paar warme Worte also.
Wie sieht die Bilanz nach all den Jahren als Minderheitenvertreter der größten Statusgruppe an der Uni aus? In der letzten Fachbereichsratssitzung habe ich mich für anderthalb Jahre konstruktive Zusammenarbeit bedankt und bedauert, daß die sich auf vier Kalenderjahre verteilt haben. Und das trifft es ziemlich, denke ich. Bitter stößt hierbei auf, daß die entscheidenden letzten sechs Monate nicht mehr dazu zu rechnen waren. Einiges konnte in zum Teil enger Zusammenarbeit mit der Professorenschaft und den wissenschaftlichen Mitarbeitern erreicht werden. Der Lehramtsstudiengang und das Verhindern der Rückführung in die Mathematik seien hier als Beispiel genannt. Selten, zu selten, konnten auch gegen die anderen Statusgruppen im Hause Ziele erreicht werden. Hier ist das Zufallbringen des Prüfungsordnungsentwurfs, in dem Zwangsexmatrikulation für jeden, der nach vier Semestern sein Vordiplom nicht hat, wohl als alles überragende Leistung gutzuschreiben. Leider kann ich selbst mir den Erfolg nicht auf die Fahnen schreiben, da er kurz vor meiner Zeit war, aber Claudi und Michi ist es hier gelungen diese Katastrophenordnung, nachdem sie im Fachbereichsrat beschlossen worden war, in den übergeordneten universitären Gremien abschießen zu lassen. Jeder, der nach vier Semestern kein Vordiplom hatte, hat Grund dankbar zu sein. Interessanterweise sprechen heute auch Professoren von diesem Entwurf als "diese Ordnung, die ja nie jemand wirklich wollte". Da fragt man sich schon, wo die Mehrheiten herkamen. Das bringt mich nahtlos zu den negativeren Erinnerungen. Daß man als studentischer Vertreter, der seine Aufgabe ernst nimmt, immer mal wieder aneckt und sich unbeliebt macht, ist nicht weiter neu und jedem klar, der sich auf den Job einläßt. Glücklicherweise habe ich diesen Prozeß als selbstregelnd wahrgenommen. Man bringt sich nämlich präzise bei den Leuten in Miskredit, deren Sympathie einem ohnehin zutiefst peinlich sein sollte. Die studentischen Vertreter in universitären Gremien sind die einzigen, die Selbstverwaltung ehrenamtlich machen. Für alle anderen Gruppen ist es ein ungeliebter Teil des Jobs. Das hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, daß Initiativen von unserer Seite im Sand verliefen, da es Sitte war, Probleme erst dann zu lösen, wenn ihre Auswirkungen nicht länger zu ignorieren waren und die besten Lösungsvarianten wegen Zeitmangels nicht mehr gangbar waren. (siehe z.B. den Q&D Artikel über das Zustandekommen der Fusion mit der Biologie). Die aktuelle Haushaltsmisere an den Hochschulen, die Frage von Studiengebühren und Zwangsfusionierungen kleiner Fachbereiche, sind heute die zentralen Probleme der Hochschulpolitik, die von jeder Seite mit Sorge verfolgt werden. Daß das aber genau die Inhalte des studentischen Streiks von '97 waren, daran erinnert sich heute kaum jemand. Wer dabei war, erinnert sich, daß von Seiten der Hochschullehrer auch vor der untersten Schublade nicht halt gemacht wurde, als es darum ging, diese Bewegung zu unterwandern. Doch jetzt genug zum Vergangenen. Die Zukunft in einem gemeinsamen Fachbereich Biologie & Informatik steht bevor. Sicher wird einiges, was man im Moment für problematisch hält, auch wirklich zum Problem werden. Ebenso sicher werden ein paar erwartete Probleme ausbleiben und ein paar Probleme auftauchen, die man jetzt noch nicht absieht. Und um das karthesische Produkt voll zu machen: Es werden bestimmt auch viele Dinge gutgehen, von denen man erwartet, daß sie gutgehen. Es ist nicht die Zeit, den Propheten zu spielen, denn wie genau alles ausgehen wird, kann zur Zeit noch niemand sagen. Es gibt aber doch drei Marschrouten, die ich dem Institut für Informatik gerne ins Stammbuch schreiben möchte, ehe ich abtrete. 1. Selbstbewußtsein: Wir sind nun zwar der kleinere Fusionspartner, aber einer mit immensen Wachstumschancen. In dem Maße, in dem die Selbständigkeit der Informatik sinkt, sollte das Selbstbewußtsein steigen. Die Informatik darf sich nicht darauf beschränken, die fachliche Autarkie in der Kerninformatik zu verteidigen. Hier ist ganz bewußt auch die Bioinformatik zu nennen, bei der sich die Informatik nicht auf die Rolle des EDV-Know-How-Providers und Datenbankpflegers reduzieren lassen darf. Abgesehen von diesem Selbstbewußtsein in fachlichen Dingen, meine ich aber auch, daß im Fachbereich an den Werten, die sich in den Jahrzehnten als Fachbereich etabliert haben festgehalten werden sollten. Der Fachbereich Informatik war auch immer ein "System der kleinen Dienstwege", in dem viele sinnvolle Regelungen ohne großes formales Brimborium getroffen werden konnten. Auch haben sich gewisse Grundregeln im Umgang miteinander eingebürgert, von denen man nicht abgehen sollte, auch wenn sie andernorts nicht üblich sind. So hat im FB 20 zumindest in letzter Zeit immer Konsens darüber bestanden, daß die verschieden großen Beteiligungsmöglichkeiten der Statusgruppen an den Entscheidungsfindungsprozessen, die der Gesetzgeber vorsieht, sich im Zahlenverhältnis der Vertreter der Gruppen in den Gremien manifestieren, nicht aber ein zweites mal in einer "Wertigkeit" der Mitglieder. Das sollte so bleiben. 2. Weitsicht: Vielleicht ein auf den ersten Blick etwas ungewöhnlicher Aufruf, ist doch die große Weichenstellung gerade passiert. Ich denke, jetzt ist Weitsicht gefragter denn je. In den nächsten Monaten werden Zuständigkeiten, Richtungsentscheidungen und Verfahrensfragen anstehen, die Implikationen für die nächsten Jahre (wenn nicht Jahrzehnte) haben werden. Hier gilt es die Augen offen zu halten und über den kurzfristigen Rahmen hinaus zu denken. 3. Geschlossenheit: Die Mitglieder des Fachbereichs Informatik werden künftig gemeinsam Minderheit sein. Dazu ist es nötig, sich in einem stärkeren Maße zusammenzuraufen als das bisher der Fall war. Diese Bitte ist natürlich kein Aufruf zum Kadergehorsam. Unterschiedliche Interessen und Anliegen müssen nach wir vor zur Sprache gebracht werden. Soll die Position der Informatik im neuen Fachbereich jedoch nicht leiden, sollten dazu aber vor allem die institutsinternen und die völlig inoffiziellen Kanäle verstärkt genutzt werden. Hier werden von allen Seiten Zugeständnisse zu machen sein. Damit möchte ich es jetzt bewenden lassen. Der Artikel ist sowieso schon viel zu lang geworden. Ein letzter Gedanke muß aber noch sein: Noch wie vor zwei Jahren bestand in der damals 5 Personen starken Fachschaft kein Zweifel daran, daß dieser Artikel, wenn er mal geschrieben würde, mit einem solchen Satz enden würde: "Es bleibt nur die Hoffnung, daß auch ohne studentische Vertreter, die studentischen Interessen irgendwie in die Fachbereichspolitik einfließen werden." Das ist heute zum Glück anders und deswegen können die Taschentücher auch steckengelassen werden. Es gibt Nachfolger, die sich nach unserem Ausscheiden der Sache weiter annehmen werden. Denen wünsche ich alles Gute, und eben auch Selbstbewußtsein, Weitsicht und Geschlossenheit. Den anderen Statusgruppen sei in Erinnerung gerufen, daß diese neue Generation die Arbeit ebenso wie wir in ihrer Freizeit macht und, daß das Implikationen über die Ernsthaftigkeit deren Tätigkeit hat. Vielleicht fehlt hier oder da natürlicherweise noch ein Stück Erfahrung und der persönliche Draht, der sich nun mal erst im Laufe der Zeit aufbaut, aber seien Sie versichert, irgendwem hätten wir den Job nicht anvertraut und ein Jahr als Nachwuchsfachschaftler unter uns alten Hasen, zählt mindestens so viel wie ein Jahr Fachbereichsrat. Und jetzt wird abgedankt: Die Fachschaft ist tot! Es lebe die Fachschaft! |