![]() Dezember 2000 |
Gespräch mit dem PräsidentenDiskussion über die Probleme der Informatik(ul, wp) OE, Donnerstag Morgen, der Magnus quillt über. Etwa 300 Erstis drängeln sich um die Plätze, die Podiumsdiskussion soll gleich losgehen. Plötzlich steht der Vizepräsident Herr Stöcker in der Tür und fragt, warum er von dieser Enge in der Informatik aus der Zeitung erfahren müsse. OK, scheinbar ist es angebracht, daß jemand dem Präsidium mal erzählt, wie es dem neuen Jahrgang bei uns so geht, sagten wir uns und haben uns um einen Termin beim Uni-Präsidenten Herrn Steinberg bemüht. Den haben wir dann auch bekommen: 9. November 2000, 14.00 Uhr.Mit einer Gruppe von zwölf Leuten sind wir im 10. Stock des Juridicums eingetroffen. Zu unserer Verblüffung hat der Präsident den Stellvertretenden Dekan des Fachbereichs Biologie und Informatik, Prof. Waldschmidt, und den Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Informatik, Prof. Hagerup, ebenfalls zu diesem Gespräch eingeladen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir davon nicht benachrichtigt worden, und auch Prof. Waldschmidt und Prof. Hagerup haben offenbar nur sehr kurzfristig davon erfahren. Auf unsere Frage, warum Prof. Waldschmidt und Prof. Hagerup eingeladen wurden, antwortete der Präsident, daß dies kein Geheimtreffen sei und es ihm zweckmäßig erschien. Uns blieb das befremdliche Gefühl, daß diese Vorgehensweise nicht wirklich die höflichste war. Auch unseren Professoren war anzumerken, daß sie sich nicht ganz wohl bei der Sache gefühlt haben. Der Vizepräsident Prof. Stöcker war bei diesem Gespräch ebenfalls anwesend. Sein "Besuch" während der OE sowie unsere Presseaktivitäten bildeten den Einstieg in das Gespräch. Zunächst haben wir die Situtation in der Informatik aus unserer Sicht geschildert und die Fakten genannt: insgesamt etwa 400 Studienanfänger, die katastrophale Raumsituation, der eklatante Mangel an Lehrenden, die fehlenden Computerarbeitsplätze, die dafür nicht ausreichende Ausstattung der Bibliothek, von der Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit, Tutoren zu finden sowie die dadurch verschärft auftretenden Probleme im Übungsbetrieb; schließlich die nicht ausreichende Zahl an Praktikumsplätzen im Grundstudium. Unter dem Strich die dadurch drastisch leidende Qualität der Ausbildung. Herr Steinberg versicherte, daß ihm dies alles bekannt sei. Für ihn sei die Situation genauso unakzeptabel wie für uns, es sei jedoch nicht leicht, hierfür Lösungen zu finden. Die Entscheidung, trotz der hohen Anfängerzahlen keinen NC einzuführen, habe Anlaß zur Hoffnung gegeben, daß man aus Wiesbaden weitere Mittel erhalten könne. Dies sei jedoch nicht geschehen. Der Präsident hat beim HMWK einen Antrag auf eine neue Professur gestellt, die auf dem Konzept für einen Bachelor-Studiengang basiert*. Die Aussichten, diese auch bewilligt zu bekommen, wurden vom Präsidenten positiv eingeschätzt. Hier gilt "Geld gegen Innovationen": Es ist einfach nicht möglich, Unterstützung zu erhalten ohne Gegenleistungen in Form von weiteren Angeboten des Fachbereichs. Auf unseren Einwand, daß ein weiterer Studiengang nicht die dringend nötige Entlastung mit sich bringt, entgegnete der Präsident, daß das vorliegende Bachelor-Konzept geschickterweise die Verwendung von bereits vorhandenen "Modulen" vorsieht. Unser Standpunkt, daß für einen Bachelor-Studiengang eigene Ideen und Ressourcen gebraucht werden, um dem Anspruch des Bachelors gerecht zu werden, und nicht vorhandene wiederverwendet werden sollten, führte dann zu einer Diskussion über neue uniinterne Ansätze zur Lösung der Probleme. Das Land Hessen hat ein 25-Mio.-Programm für die hessischen FHs gestartet, die Bemühungen der Hochschulrektoren, in dieser Richtung für die Universitäten Fördermittel zu erhalten, sind bisher fruchtlos geblieben. Dies haben die Hochschulrektoren in einer gemeinsamen Presseerklärung formuliert. Aus dem Sofortprogramm der Bundesregierung (WIS) stünden in diesem Jahr 100.000 DM für die Informatik zu Verfügung. Mittlerweile sind davon 90.000 DM im Fachbereich angekommen. Was kurzfristige Stellenzuweisungen angeht, erläuterte uns der Präsident, daß ihm da die Hände gebunden seien: Die Stellenreserve der Universität sei vollkommen erschöpft, er habe keinerlei Spielraum, der Informatik aus dieser Richtung Unterstützung zukommen zu lassen. Die von uns angesprochenen Punkte, eine bedarfsgerechte Verteilung innerhalb der Universität anzustreben, sich also einmal zu überlegen, ob starke Fachbereiche immer "reich" bleiben sollen, wurde vom Präsidenten mit der Bemerkung kommentiert, daß an der Universtät viele Strukturen existieren, die auf Beharrung basieren würden und daß sich das ändern müsse. Auf kurzfristige Lösungsansätze angesprochen, verwies der Präsident auf die durch die Brandschutz-Problematik des Turms angespannte Raumsitutation, die sich wohl erst mit dem Umzug ins IG-Farben-Gebäude wirklich entspannen werde. Herr Steinberg mußte das Gesprächsrunde früher verlassen, so daß die Diskussion noch mit Herrn Stöcker weiterging. Es wurden verschiedene Ideen angerissen, wie der Informatik weitere Räume zur Verfügung gestellt werden könnten; übrig geblieben ist die Idee, den Fachbereich Physik auf die Räume im Erdgeschoß des Informatik-Gebäudes anzusprechen.
* Schon im Sommer hat der damalige Dekan, Herr Prof. Kunz, uns berichtet, unter welchen Voraussetzungen das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) vielleicht eine neue Professur zu finanzieren bereit wäre: Innovationen heißt das Stichwort. Neue Konzepte, neue Ideen, neue Studiengänge. Aus diesem Grund ist ein Konzept skizziert worden, wie die Informatik einen Bachelor-Studiengang realisieren könnte – nach Möglichkeit ausschließlich mit bestehenden Veranstaltungen. Damit konnte nun in Wiesbaden eine neue Professur beantragt werden. |