![]() Dezember 2000 |
Highway to HellDie OE 2000 aus der Sicht eines ErstsemesterersBilder(as) Es ist viertel vor neun, entgegen meinen Angewohnheiten meine ich damit viertel vor neun morgens, es regnet und meine Brille ist so beschlagen, dass ich die Personen, die in den Gängen stehen kaum wahrnehme, als ich so überlege, wie ich eigentlich lange genug wach bleiben soll, um irgend etwas über das Studium zu erfahren, das ja immerhin am Montag anfangen soll. Der Nebel auf meiner Brille lichtet sich so langsam, und ich erkenne, dass einige von denen, die rumstehen, gleiche Pullis tragen und mit irgendwelchen Heften bewaffnet sind. Mein Gehirn muss noch nicht einmal richtig wach werden: Sofort setzen sich meine Großstadtinstinkte durch: Wenn man nicht entfliehen kann, lässt man sich eben ein Exemplar andrehen, nickt und geht zum nächsten Papierkorb. Diesmal hat‘s mich erwischt: Ehe ich ausweichen kann, hat mich einer am Schlafittchen - ich habe wohl zu viel Interesse geheuchelt, als ich seine Frage "Informatik Erstsemester?" bejahte. Immerhin sagt er mir, wo ich eine Koffeintransfusion bekommen kann, und steigert somit mein Interesse etwas; so komme ich auch dahinter, dass ich keiner abstrusen Sekte in die Hände gefallen bin, sondern der Fachschaft (???), und in den Händen halte ich keinen Wachturm, sondern ein Don't-Panic-Comic, einen Fragebogen und ein Namensschild. Naja, eigentlich noch kein echtes Namensschild, aber nachdem ich mich durch eine Schlange gekämpft habe, ist für jeden ersichtlich, dass er einen roten Idefix vor sich hat, der auf den Namen Alexander hört. Und schon gibt es ein erstes praxisnahes Beispiel in Sachen Packalgorithmus: Wie bekommt man 400 Erstsemesterer in einen Hörsaal mit 200 Sitzplätzen? Zu unserem - und nicht zu deren - Glück sind nicht alle gekommen, trotzdem müssen noch viele mit dem Boden vorlieb nehmen. Vorne stehen inzwischen welche von der Fachschaft und versuchen Stuhl-Quietschen, Kaffee-Geschlürfe und quiekende Handies zu übertönen. Als die Mehrzahl mitbekommen hat, dass es jetzt (endlich) so langsam los geht, kehrt so langsam Ruhe ein; lediglich piepsende Handies stören etwas, und das unterdrückte Lachen, wenn jemand einen Gag aus der Don't Panic verstanden hat. Und nach der Begrüßung gehts auch schon so langsam los: Was wir die nächsten drei Tage vorhaben, wie unser Stundenplan aussieht (vergesst alles, was ihr im Netz oder sonst wo gelesen habt; diese §$%&*#-Dösbaddel haben nicht mit eurer Anzahl gerechnet!), und wie die Kleingruppen, in die wir gleich gehen sollen, gebildet werden. Und wieder bricht das Chaos los, als jeder Farbe und Motiv seines Namensschildes betrachtet und sich in die Weiten dieser Uni aufmacht, den richtigen Raum zu seiner Gruppe zu finden. Wer Glück hat, wird von seinem Tutor im Gedränge an der Tür eingefangen und praktisch im Konvoy zum Raum eskortiert. In den Kleingruppen - eigentlich habe ich mir unter "klein" bisher etwas anderes vorgestellt, aber da diese Tutorenjünger in ihren Pullis alles freiwillig und unbezahlt (!) machen, kann man wohl nicht meckern - geht nach einer kurzen Vorstellung dann auch die Arbeit los: Jede Kleingruppe soll am Freitag ein Thema kurz erläutern. Die selbst auferlegte Anforderung, unser Thema so darzubieten, dass wenigstens nicht alle einschlafen - wir haben mit "Hauptstudium" ein sehr zähes Thema erwischt - behindert die Arbeit ein wenig. Schließlich wird es Zeit fürs Mittagessen, das wir mit einem kleinen Rundgang über den Campus verbinden. Ich bezweifle zwar immer noch, dass das, was ich in der Mensa bekam, Lasagne war, aber da es sich nicht mehr bewegte, hab ich es eben gegessen. Nach diesem ... sagen wir mal: essbaren Zeug ging es auch schon wieder weiter: Ein mächtig großer Boss des RBI (das sind die Hansels, die nebenan "ein paar" Rechner für uns rumstehen haben) erklärt uns, was wir mit seinen Lieblingen ja nicht anstellen sollen, und nach dem wir versprochen haben, seine Gebote zu ehren, verteilt er sogar Anträge auf einen Account (scheint so eine Art Futter für seine Lieblinge zu sein). Ähnliches wiederholt sich auch mit der Bibo... ähh ...Biblo... mit der Bücherei des Fachbereichs / Instituts. Hier bekommen wir die Gebote sogar schriftlich. Weiter ging es dann zunächst in den Kleingruppen; am Ende hatten wir uns jedoch erst darauf einigen können, ein blödes, langweiliges Thema zu haben. Wer wollte, konnte an diesem Abend mit den anderen noch in eine nahe gelegene Kneipe gehen, mir lag das lasagne-ähnliche Objekt vom Mittag jedoch quer im Magen, also machte ich von diesem Recht keinen Gebrauch. Ein neuer Morgen, viele neue Regenwolken. Die für 09:00 angesetzte Diskussionsrunde mit den Professoren verzögerte sich etwas - mangels Profs. Das gibt mir immerhin Gelegenheit, meinen Koffeinspiegel ins Gleichgewicht zu bringen. Während des Wartens höre ich es munkeln, dass wohl nicht nur ich gestern keine Lust auf den Kneipenabend hatte (haben wohl alle die Lasagne probiert?). Insgesamt seien nur 20 da gewesen. Wenn man davon ausgeht, dass von den etwa 30 Tutoren bestimmt doch alle da gewesen sind, müssen etwa -10 von uns Erstsemestern da gewesen sein. Dieser Witz macht in diversen Versionen die Runde. Als ihn alle kennen, geht es dann auch so langsam los, aber trotz der Bemühungen des studentischen Moderators, zieht es sich ziemlich hin. Auf meine Todo-Liste setze ich, dass ich mir entweder ein Kissen oder eine Großpackung Koffeintabletten besorgen muss. Doch alles hat ein Ende, auch die Diskussionsrunde und leider auch die Mittagspause danach. Nicht wegen dem Essen, sondern weil wir jetzt wieder mehr oder weniger ratlos in der Kleingruppe sitzen. Die gute Nachricht des Tages ist, dass wir in der Zeitung sind - wenn das mal kein guter Anfang für mein Studium ist: Ich hab es noch nicht mal richtig angefangen, und schon ist mein Bild in der FAZ! Natürlich bin ich unter den 250 anderen auf dem Bild nicht gleich zu finden, aber doch eindeutig zu erkennen. Die schlechte Nachricht ist, dass wir als letzte Gruppe vortragen sollen - mit dem langweiligsten Thema vor Zuhörern, die schon 15 andere Gruppen ertragen mussten. Und wir werden das einzige sein, das zwischen ihnen und dem Wochenende steht... Schließlich haben wir uns auf eine mehr oder weniger sinnvolle, vor allem aber kurze Form geeignet, da geht‘s auch schon wieder in den Magnus-Hörsaal (Heißt magnus nicht eigentlich groß oder so?), wo uns diverse Nebenfächer vorgestellt werden. Im groben gibt es dabei drei Möglichkeiten: Man nimmt Mathematik, und läuft Gefahr, ein logisch denkender Fachidiot zu werden, man nimmt eine der beiden Wirtschaftslehren und wird am Ende ein konservativer Schlipsträger, oder man outet sich und nimmt eine der restlichen Möglichkeiten... Und wieder ein neuer Morgen, ein neuer Regenschauer und neuer Kaffee. Für diesen Morgen ist eine kleine Rallye angesetzt, bei der wir den Campus noch mal kennenlernen sollen. Wir versuchen, uns so gut wie möglich an einen irgendwie engen Zeitplan zu halten, und nebenbei noch ein wenig Spaß zu haben: Klar, ich wollte schon immer mal die 500 Treppenstufen im Pädago-genturm auf Zeit herunterrennen. Und ich dachte immer, Faulheit wäre eine Voraussetzung für die Informatik! Immerhin ist der Computer ja nur erfunden worden, weil Zuse zu faul war, seine Berechnungen auf Papier durchzukauen. Auch der Singerwettstreit verläuft anders als geplant, da keiner etwas in die auf die Schnelle besorgte Mütze vor uns werfen will. Erwähnenswert wäre da noch ein Puzzle, bei dem die Dösköppe von Tutoren das Bild vergessen haben. Meine Motivation (Warum soll ich etwas reparieren, das die kaputt gemacht haben?) scheint weit verbreitet zu sein, man munkelt, nur eine Gruppe hätte es fast geschafft, das Puzzle innerhalb der Zeit zu lösen. Doch schließlich geht auch diese Rallye mit Sicherheit zu Ende; nun nicht unbedingt unser Bestes, aber immerhin etwas gegeben und mit der Sicherheit nicht gewonnen zu haben. Und dann päsentieren die Gruppen auch schon ihre schwer erarbeiteten Ergebnisse. Auf Details möchte ich hier jetzt nicht mehr eingehen, außer dass wir etwa 3/4 männliche und 1/4 weibliche Studienanfänger sind (Die 20, die sich nicht entscheiden konnten, nicht mitgezählt). Nebenbei könnte man noch erwähnen, dass in dem Versuch, die Zuschauer mit den trockenen Themen nicht zu langweilen, viele eine dieser populistischen "Talkshows" nachahmten. Nebenbei könnte man jetzt nocht darüber nachdenken, was man daraus über unsere Gesellschaft schließen kann. Nun ja, auch unsre Grupppe hat schließlich auch ihren Auftritt hinter sich gebracht, und wie ich betonen möchte, in Rekordzeit. Als letzte Amtshandlung kürten die Tutoren noch den Gewinner der Rallye (wie nicht anders zu erwarten, waren das nicht wir) und nachdem wir den Tutoren mit lautem Applaus unseren Dank kund getan hatten, blieb nur noch die schwere Wahl zu treffen: Sofortiges Wochenende oder ein kurzer Zwischenstop im Fachschaftsraum, um denen da beim kollektiven Bier-Entsorgen behilflich zu sein. Und auch mir bleibt nichts anderes übrig, als allen Beteilligten für diese OE zu danken. Und auch wenn ich ein paar Witzchen gerissen habe, so habt ihr euch trotz unsrer hohen Zahl Mühe gegeben und es doch ganz ordentlich hinbekommen. Für die OE (samt Kaffee und Frühstück) und die Hilfe während der ersten Tage, danke ich euch, auch im Namen der anderen Studienanfänger. PS: Die Lasagne stellte sich übrigens im Nachhinein als Nuldelauflauf mit Hackfleisch (?) heraus. |