Experimentalphonetik II, SS97, Thema: Sprechererkennung, Sprechercharakteristik

Referat: Dialekt

Referentin: Beate Schneider

Inhalt

1. Einführung

2. Entstehung von Dialektgrenzen

3. Verfahren und Begriffe

3.1. Dialektgeographie

3.2. Isoglosse

3.3. Isoglossenkonstellationstypen

4. Parameter

5. Hörbeispiele und Dialektkarten

6. Bibliographie


1. Einführung

Was ist Dialekt? Ein grundlegendes Merkmal, das jedem sofort einfallen dürfte, ist die Abweichung von der Aussprachenorm, dem Hochdeutschen Standard, kurz Hochdeutsch. Dialekt setzt also voraus, daß es eine (Hoch-)Sprache gibt (zumindest theoretisch), von der er sich abgrenzt bzw., zu der er in Kontrast steht.

So war auch die Entdeckung des Dialekts oder der Mundart erst dann möglich, als es eine Sprachform gab, die im Gegensatz zum Dialekt stand. Solange Neuhochdeutsch nichts weiter war als Schriftsprache, bestand kein Anlaß, Dialekte zu untersuchen und aufzuzeichnen. Der Begriff "Mundart" verdeutlicht, daß die Betonung auf der Mündlichkeit liegt, weniger auf der Regionalität. Der Terminus "Dialekt" ist von dem griechischen Verb "dialegesthai" "miteinander sprechen", "sich unterreden", "sich unterhalten" abgeleitet. Im allgemeinen hat sich dieser Begriff durchgesetzt. (Auch im hier vorliegenden Beitrag wird er verwendet.)

Auch wenn die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dialekt erst im 19. Jahrhundert begann, so wurde er doch bereits seit dem 17. Jahrhundert immer wieder thematisiert. Ein nicht unwesentlicher Impetus kam dabei von ROUSSEAU, der als einer der ersten die Sprache des "einfachen Mannes" würdigte. Im Sturm und Drang wurde Dialekt idealisiert, er stand für reines und unverfälschtes Denken. Im Rahmen der historischen Sprachwissenschaft begann dann die eigentlich wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dialekt. JACOB GRIMM erkannte als erster die historischen Wurzeln an und zeigte Gesetzmäßigkeiten auf. Wirklich interessant wurde es dann Ende des 19. Jahrhunderts, als die Phonetik die Voraussetzungen für eine adäquate und detaillierte Beschreibung der Laute schuf.

2. Entstehung von Dialektgrenzen

Die heutigen Sprachgrenzen sind das Ergebnis verschiedener Entwicklungen. Im 19. Jahrhundert glaubte man, in den modernen Dialektgrenzen die Siedlungsgebiete der germanischen Stämme gefunden zu haben. Doch nur in ganz seltenen Fällen entsprechen Sprachgrenzen wirklich diesen alten Stammesgrenzen. Die größte Wirkung auf das dialektgeographische Bild wird den spätmittelalterlichen Territorien zugeschrieben. Politische Kontinuität zum Beispiel hatte häufig eine relativ große sprachliche Einheitlichkeit zur Folge.

Doch die Entwicklung von Dialekten hängt nicht nur von historischen Faktoren ab. Auch natürliche Gegebenheiten, wie z. B. Gebirge oder große Wälder können zu Sprachgrenzen werden, da sich die Dialektsprecher gegenseitig nicht mehr beeinflussen können.

Auch Verkehrsstraßen, Ballungszentren, etc. beeinflussen Sprachbewegungen. Große Wirtschafts- und Verkehrsräume haben die Tendenz, eine einheitliche Sprachform auszubilden.

Nicht zuletzt sind auch aktuelle politische Grenzen sprachgeographisch von Bedeutung. Die im 18. Jahrhundert eher unwichtigen Landesgrenzen trennen heute politische, soziale, bildungsinstitutionelle, juristische und wirtschaftliche Auffassungen. Dialektale Sprachbewegungen werden so gehemmt oder kommen ganz zum Stillstand.

3. Verfahren und Begriffe

3.1. Dialektgeographie

1876 verschickte GEORG WENKER, ein Germanist und Bibliothekar, Bögen mit 40 Sätzen in rheinländische Dörfer, damit sie in den dort heimischen Dialekt übersetzt würden. WENKER hatte die "Wenkerschen Testsätze für die Mundartforschung" entwickelt, mit denen er beanspruchte, jeden nur möglichen Laut, der in einem Dialekt anders produziert werden könnte als in einem anderen, abzudecken. Auf diese Art und Weise wurde nach und nach das gesamte deutsche Sprachgebiet erfaßt. Das "Forschungsinstitut für deutsche Sprache, Deutscher Sprachatlas" in Marburg hat heute über 50.000 von diesen ausgefüllten Fragebögen. Auf den Grundlagen dieses Materials wurden Karten erstellt. Der Nachteil dieser Dokumentationsweise (also Laien, die versuchen, orthographisch ihren Dialekt zu charakterisieren) besteht darin, daß kein angemessenes Beschreibungsinventar zur Verfügung stand. Bestimmte differenzierte Aspekte lassen sich rein orthographisch gar nicht fassen. In Bezug auf die Lexik hat sich das Verfahren allerdings bewährt; ob jemand "Ziege" oder "Geiß" sagt, kann auch ein Laie beantworten.

3.2. Isoglosse

Isoglossen sind Linien, mit denen Sprachgrenzen auf Karten festgehalten werden. Wenn zum Beispiel östlich eines Flusses eine andere Aussprache vorliegt als westlich, dann verläuft auf der Sprachkarte die Isoglosse entlang des Flusses.

Mit Hilfe dieser Isoglossen werden also Dialektgrenzen festgelegt. Je mehr Isoglossen, desto einschneidender die (Sprach-)Grenze. Allerdings spielt hier auch der qualitative Aspekt eine Rolle; die Art der sprachlichen Phänomene wird unterschiedlich stark gewichtet.

Es werde Kombinationskarten erstellt, auf denen die Stärke der Grenzlinien das Maß dafür ist, in wievielen und welchen Eigenheiten sich zwei Dialekte voneinander unterscheiden. Man muß allerdings erwähnen, daß Sprachkarten immer nur Momentaufnahmen sind, da gesprochene Sprache einem steten Wandel unterliegt.

3.3. Isoglossenkonstellationstypen

Je nach Ausprägung der Isoglossen unterscheidet man verschiedene Isoglossenkonstellationstypen. Ein Kreis liegt vor, wenn sich ein bestimmtes sprachliches Phänomen auf eine bestimmte Region beschränkt. Befindet sich eine größere Stadt in der Mitte, so ist meist eine Neuerung gegeben, die von dieser Stadt ihren Ausgang nahm und sich ins Umland hinein verbreitete. Es kann sich allerdings auch um ein Reliktgebiet handeln, an dem eine sprachliche Neuerung vorbeigegangen ist, zum Beispiel eine verkehrsferne Gegend.

Findet sich eine Neuerung in der Nähe eines größeren zusammenhängenden Gebietes spricht man von einem Horst. In diesem Falle hat sich die Neuerung, das flache Land überspringend, in der Stadt festgesetzt.

Ein Keil erscheint meist bei Neuerungen, die entlang eines Verkehrsweges vordringen. Manchmal besitzt eine größere Stadt eine Art Sogwirkung, die sich auch in Form eines Keils niederschlagen kann.

4. Parameter

Um Dialekte umfassend beschreiben zu können, müssen folgende Parameter berücksichtigt werden:

Phonetik                               Kasus                                  

Syntax                                 Morphologie                            

Lexik                                  (Intonation)                           

Tempus                                                                        


5. Hörbeispiele und Dialektkarten

Im folgenden besteht die Möglichkeit, zwei Sprecher mit unterschiedlichem Dialekt zu hören. Sie werden einige Testsätze von Wenker sprechen. Zum Teil ist es wichtig, was gesagt wird (Lexik), zum Teil ist wichtig, wie es gesagt wird (Phonetik). Die Kombination der lexikalischen und phonetischen Merkmale erlaubt es, die Sprecher mit Hilfe der Dialektkarten regional einzuordnen. (Natürlich handelt es sich hierbei um ein stark vereinfachtes und schematisiertes Verfahren, es soll jedoch anschaulich machen, in welcher Art und Weise die Arbeit der Dialektgeographen auch heute noch zur Einordnung von Dialektsprechern dienen kann.)

Folgende Sätze werden gesprochen (die wesentlichen Begriffe, anhand derer eine regionale Zuordnung möglich ist, sind kursiv gedruckt.):

"Der gute alte Mann ist mit seinem Pferd durchs Eis gebrochen und ins kalte Wasser gefallen."

Sprecher A Sprecherin B Quelle: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 210


"Geh', sei so gut und sag' deiner Schwester, sie soll die Kleider für deine Mutter fertig nähen und mit der Bürste sauber machen."

Sprecher A Sprecherin B Quelle: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 150


"Der Bruder des Vaters will sich zwei schöne neue Häuser in unserem Garten bauen."

Quelle: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 146

Quelle: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 155

Sprecher A Sprecherin B


"Samstag"

Sprecher A Sprecherin B Quelle: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 186


"Ich verstehe euch nicht, ihr müßt ein bißchen lauter sprechen."

Sprecher A Sprecherin B Quelle: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 176


6. Bibliographie

KÖNIG, Werner (1996), dtv-Atlas zur deutschen Sprache, München

MATTHEIER, Klaus J. (1980), Pragmatik und Soziologie der Dialekte. Einführung in die kommunikative Dialektologie des Deutschen, Quelle und Meyer, Heidelberg

MÜLLER, Susanne (1990), Die deutschen Dialekte im 20. Jahrhundert. Lehrmaterial für Germanisten, Universität Tartu

NOBLE, C. A. M. (1983), Modern German dialects (American University studies), Peter Lang, New York, Berne, Frankfort on the Main